Der methodische Ansatz von Lebenszyklusuntersuchungen bezeichnet die ganzheitliche Betrachtung von Umweltauswirkungen in der gesamten Kette von Herstellung, Nutzung und Entsorgung eines Produktes. Dieser Ansatz wird sowohl in der Umweltpolitik als auch in der Wirtschaft zunehmend als Mittel der Entscheidungsunterstützung und zur Identifikation von Steuerungsmechanismen für eine nachhaltige Entwicklung angewendet. Zu verweisen ist hier insbesondere auf die Erarbeitung eines EU-Grünbuches zur Integrierten Produktpolitik und auf umfangreiche Lebenszyklusstudien im Rahmen von Produkt- und Verfahrensentwicklungen in der Industrie. Auch als Mittel der Verbraucherinformation werden Lebenszyklusuntersuchungen - vor dem Hintergrund der neuen EU-Vorgaben für die sogenannte Produktdeklaration Typ III - zukünftig verstärkt herangezogen. Als standardisiertes Instrumente zur Erfassung, Darstellung und Interpretation von umweltrelevanten Stoff- und Energieflüssen hat sich die Produkt-Ökobilanz nach ISO 14040 ff. (International Organization for Standardization) durchgesetzt. Wesentlicher Bestandteil einer Ökobilanz ist die Sachbilanz (Life Cycle Inventory, LCI), in der sämtliche relevanten Flüsse eines Systems zusammengestellt werden.
Daten über umweltrelevante Stoff- und Energieströme in und aus technischen Prozessketten („Lebenszyklusdaten“, „Life Cycle Inventory (LCI) Data“) sind eine elementare Grundlage hierfür. Der steigende Bedarf und die neuen Einsatzbereiche an hochwertigen Daten setzen neben der Einbindung der industriellen Praxis eine dauerhafte Infrastruktur der Qualitätssicherung und eine wissenschaftliche Absicherung von Datenerhebung sowie Methodik der Datenaufbereitung voraus. Aber auch qualitativ hochwertige Daten ergeben nur dann Informationen, wenn Nutzer sie kontextorientiert einsetzen können. Aus Sicht des Nutzers müssen jeweils die Daten, die für seine Fragestellungen relevant sind, bereitsgestellt werden. Hierbei handelt es sich beispielsweise um die zu betrachtenden Stoffflüsse, die geographische Abgrenzung und das Aggregationsniveau. Voraussetzung ist, dass bereits bei der Bereitstellung der Daten die Randbedingungen der Anwendung detailliert bekannt sind. Darüber hinaus wird die im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung erwünschte weitere Verbreitung von Lebenszyklusuntersuchungen in der Praxis nur dann stattfinden, wenn sie inhaltlich und technisch in die Arbeitsumgebung der Nutzer (z.B. in der Produktentwicklung) integriert erfolgt.
Insgesamt leitet sich hieraus der Anspruch einer zusammenhängenden wissenschaftlichen Bearbeitung der Bereitstellung und Nutzung von Lebenszyklusdaten ab. Dieser Anspruch ist außerordentlich hoch, angesichts der Vielfalt der durch die Nachfrage nach Daten berührten Stoffströme, technischen Prozesse und wirtschaftlichen Sektoren sowie der unterschiedlichen Gruppen möglicher Nutzer. Er kann grundsätzlich nur erfüllt werden durch Netzwerkstrukturen, die interdisziplinäres und „multisektorales“ Arbeiten ermöglichen und Akteure sowohl seitens der Datenbereitstellung als auch der Nutzung einbeziehen.
Aufgrund der wissenschaftlichen Herausforderung und Langfristigkeit dieser komplexen Problemstellung hat die Helmholtz-Gemeinschaft (HGF), unter Federführung des Forschungszentrums Karlsruhe, die Thematik Lebenszyklusdaten als Teilthema stoffstrombezogener Nachhaltigkeitsforschung in das Programm 6 „Sustainable Development and Technology“ des Forschungsbereichs Erde und Umwelt aufgenommen.
Im Jahr 2002 führte das Forschungszentrum Karlsruhe eine vom BMBF geförderte Vorstudie „Qualitätssicherung und Nutzerorientierte Bereitstellung von Lebenszyklusdaten“ (im folgenden „Vorstudie“ genannt) durch, bei der auf Basis einer detaillierten Problemanalyse unter Beteiligung zahlreicher Akteure das Grundkonzept eines deutschen „Netzwerks Lebenszyklusdaten“ erarbeitet wurde. Die Inhalte, Teilnehmer und Ergebnisse dieser Vorstudie wurden im Rahmen eines Workshops am 18./19. November im Forschungszentrum Karlsruhe vorgestellt und wurden in einem zugehörigen Bericht dokumentiert und veröffentlicht (FZKA-Bericht-Nr. 6789). Das Netzwerk Lebenszyklusdaten versteht sich entsprechend dieses Grundkonzepts als gemeinsame Informations- und Koordinationsplattform aller in die Bereitstellung und Nutzung von Lebenszyklusdaten involvierten Gruppen. Im Rahmen der Vorstudie konnten bereits ca. 30 Teilnehmer aus den Bereichen Wissenschaft, Industrie, Umweltpolitik und Verwaltung eingebunden werden. Weitere Gruppen (z.B. Verbraucherberatung) sollen noch beteiligt werden.
In das Netzwerk Lebenszyklusdaten sind bereits zahlreiche Partner eingebunden. Auch nicht-wissenschaftliche Einrichtungen sind vertreten, insbesondere solche aus der Industrie (sowohl Einzelunternehmen als auch Verbände mit ausgeprägter Expertise im Bereich von Lebenszyklusuntersuchungen) sowie Vertreter aus der (Umwelt-)Verwaltung und von mehreren Ministerien. Dieser Multi-Stakeholder-Ansatz garantiert eine anwendungs- und konsensorientierte Ausgestaltung des Forschungsthemas und sorgt neben einer breiten Akzeptanz gleichzeitig für einen Multiplikatoreffekt hinsichtlich der erarbeiteten Ergebnisse.
